katrin0306 said:
...what the devil is "filter"???
Beliebte Jungs
Glamour, Tempo, rosa Slipper: Die Jeunesse dorée des elektronischen Pop kommt aus Frankreich. Und alle Welt tanzt dazu Tobias Rapp
Am Anfang war der
Filter.
Der
denkbar einfachste Effekt elektronischer Musik.
Die Tonspur läuft, man dreht am Knöpfchen, der Bass verschwindet, die Mitten verschwinden, die Höhen verschwinden.
Man dreht das Knöpfchen zurück, sie tauchen wieder auf. Dann lässt man es
Rumms machen.
Mit verspielt-effektiven Mitteln wie diesem übernimmt Mitte der Neunziger eine kleine Pariser Szene für anderthalb Sommer die Hoheit über die europäischen Tanzflächen. Erst ist es nur eine Gruppe, dann sind es zwei, schließlich entsteht eine ganze Szene, ein Netzwerk von Produzenten. So ähnlich muss es gewesen sein, als in den frühen Sechzigern eine Handvoll Bands aus Liverpool die Vereinigten Staaten durcheinander wirbelten.
French House, der Sound mit dem Filter.
Im Mittelpunkt des Geschehens: Etienne de Crécy.
Mit
Superdiscount, einem Album, auf dem er
Bits und
Pieces verschiedener Pariser Produzenten neu zusammenmischte, definierte er den Sound französischer House-Musik. Nun, vier Jahre später, hat Crécy sein erstes Soloalbum vollendet.
Tempovision heißt es, und als wolle er sagen, dass nur die Musik zählt, ist das Cover schlicht weiß, die CD schwarz, und der Titel sieht aus, als würde er dreidimensional von der Hülle hochspringen, wenn man sich die entsprechende rot-grüne Brille aufsetzt. Aus nahezu jedem europäischen Magazin blickt einem sein Gesicht entgegen, die Platte wird begrüßt wie eine Rede zur Lage der House-Nation. Die französische Invasion ist noch lange nicht zu Ende.
Ausgerechnet Frankreich, der Erbfeind guter Popmusik.
Vor wenigen Jahren noch pflegte man den Kopf zu schütteln über Rockbands, die sich Téléphone nannten, und Radioansager, die englische Titel nicht richtig aussprechen konnten. Zwar gab es den Rai, die Musik der algerischen Einwanderer, und auch ein wenig französischen HipHop - ansonsten aber schien Frankreich eine andere popmusikalische Zeitrechnung zu haben. Es war das Land, wo die Jungs Pullover über den gebügelten Hemden mit blauweißen Streifen trugen, wo man noch in den frühen Neunzigern Johnny Halliday hörte und glaubte, diesen Zustand durch Quoten für französische Musik zementieren zu müssen.
All das schob Etienne de Crécy mit seinen Vorgaben für den neuen französischen Pop beiseite. Sie lauten: Gründe dein eigenes Label. Lass dich möglichst selten fotografieren. Bewege dich im Netzwerk einer flexiblen, unabhängigen Szene. Gehe keinen Kompromiss ein, spiele stattdessen mit den Zeichen deiner Jugend. Die Mittel, mit denen die elektronische Generation in Frankreich mit den erschöpften Stilgesten des Rock brach, dem Rummel um Stars und Botschaften, unterschied sich im Kern nicht von denen, die auch in Deutschland oder England Anwendung fanden. Doch eins machte French House zu etwas Besonderem: die Idee, sich von seinem Unbehagen am Rock nicht den Weg zum Pop verbauen zu lassen.+
Die deutschen oder britischen Entwürfe elektronischer Musik lieferten funktionale Tracks für die Tanzfläche, die ohne visuelle Umsetzung auskamen oder, wenn sie auf die Charts zielten, sich aus einem Fundus stereotyper Bilder bedienten: tanzende Menschen am Strand, tanzende Menschen auf der Straße. Die Franzosen rund um Crécy dagegen schöpften aus dem Reservoir der Erinnerungen und fanden dort Zeichen aus dem globalen Jugendzimmer der Achtziger: Superhelden-Comics, Fernsehserien, Lifestyle-Magazine, Disco- und New-Wave-Plattenhüllen. So luden sie ihre Musik mit Glamour auf, ohne Starkult zu betreiben.
French House ist eine Musik der Masken, der geliehenen Gesten - als sei der
Filter nicht nur ein Effektgerät, sondern Chiffre für das gesamte Verfahren. Was hängen bleibt, sind Reminiszenzen an Momente vermeintlicher Unschuld oder jugendlicher Aufgeregtheit.
Niemand treibt dieses Spiel mit den Erinnerungen so weit wie Benjamin Diamond.
Vor zwei Jahren tauchte er das erste Mal auf, als Stimme des
one hit wonder Stardust, und schon damals wirkte das schwer verträumt:
Im berühmt gewordenen Videoclip zu
Music Sounds Better With You bastelt ein kleiner Junge an einem Modellflugzeug, im Fernsehen tritt eine Band in silbrigen Kostümen auf; er lässt das Flugzeug steigen, es fliegt höher und höher, bis es auf einer Wolke liegen bleibt. Dort steht die Band, nimmt es und wirft es wieder herunter. Die Hitparadensendung als Stoff jugendlicher Träume.
Nun steht im Innencover von Diamonds Album wieder ein kleiner Junge und singt in ein Spielzeugmikrofon, das Cover ziert die Zeichnung eines alterslosen Glatzkopfes, umringt von roten Lichtblitzen. Die Musik zu diesem Traum von Image hört sich an, als wolle Diamond seine Erinnerungen manipulieren, um das reine, unschuldige Glück zu generieren. Es ist das Glück eines Achtjährigen, der ein Lied über Eifersucht im Radio hört und das Stück nachsingt, ohne zu wissen, wovon es handelt, einfach aus dem sicheren Gefühl heraus, auch bald zu den Großen zu gehören.
Bob Sinclar wirkt dagegen geradezu schmierig, wenn er den
International DJ-Gigolo gibt, der sich mit fünf Mädchen in Seidenbettwäsche räkelt. Dieser Junge träumt vom Jetset zwischen Hongkong und teuren Skiorten in den Alpen, von schnellen Autos und rosa Slippern.
Champs-Elysées heißt seine Platte, und so kalkuliert und formatgerecht sie mitunter tönt, so charmant ist sie, wenn sie etwa eine Stimme, die sich anhört, als gehöre sie einem Hamburger Gymnasiasten, der gerade desorientiert durch Paris stolpert, das deutsche Verb "rocken" durchdeklinieren lässt: Ich rocke, du rockst, wir rocken in der Disko.
Eine Musik der Masken, der geliehenen Gesten
Etienne de Crécy ist, verglichen mit diesen elektronischen Eleven, fast schon ein Veteran.
Drei Jahre hat er gebraucht, um
Tempovision fertig zu stellen, schließlich führt er eins der wichtigsten Plattenlabel des French House und muss sich darum kümmern, dass die Geschäfte laufen. Wenn zu Beginn der Klang eines Modems langsam und drohend gefiltert wird, hört sich das an, als werde Crécy aus dem Büro gesaugt und fange an, von schönen Dingen zu träumen: Stücke für Superstars wie Whitney Houston zu produzieren, Musik zu machen, die keinen geografischen Ort kennt außer den Club - den Ort, der das Jugendzimmer als Erinnerungskatalysator abgelöst hat.
Wenn er seine Träume wahr machen will, setzt Crécy sich ins Flugzeug und lässt sich in New York älteren Soul-Diven vorstellen. Mit denen geht er dann ins Studio und bittet sie
"Am I wrong to hunger?" zu singen, baut ein House-Gerüst herum und freut sich, den Sommerhit des Jahres eingespielt zu haben. Das funktioniert sogar ohne
Filter. Und sosehr der Gesang sich auf die sehnsüchtig-existenzielle Tradition des amerikanischen Souls bezieht, das Video dazu hat doch wieder etwas typisch Französisches, wenn sich breakdancende Kühe weigern, für ein Fast-Food-Restaurant verarbeitet zu werden, und schließlich den Betreiber grillen.
So ist das, wenn Sounds zu Markenzeichen werden.
Frankreich hat sich, dreißig Jahre nach Serge Gainsbourg und zwanzig Jahre nach Jean Michel Jarre, wieder auf der Landkarte des Pop eingetragen. Französischer House ist so sehr Pop, dass sich sogar Madonna für ihr letztes Album einen Produzenten aus Paris holte und sich niemand wunderte, den Namen noch nie gehört zu haben.
Alle dachten nur: Ah, einer von diesen
Filter-Franzosen.
Etienne de Crécy: Tempovision (Solid Disques/V2)
Benjamin Diamond: Strange Attitude (Diamondtraxx/Epic) Bob Sinclar:Champs-Elysées (Defected Records/Edel)+
©
quelle: die zeit